Mythos „Arbeitswelt Silicon Valley“

Durch die Mitarbeiter in meiner Firma begegne ich jeden Tag den neusten Trends für eine noch coolere Arbeit in den hippen Firmen aus dem Silicon Valley. Durch meinen Besuch vor Ort in vielen Firmen (Dropbox, LinkedIn, DocuSign, PlugAndPlay etc), konnte ich einen guten Blick hinter die Kulissen des „Business-Disneylands“ werfen.

Schnell will man die tollen Arbeits-, Freizeit- und Entgeltangebote aus dem Silicon Valley mit der Arbeitsrealität in Deutschland vermischen. Insbesondere hier ist es ganz wichtig zu wissen, was man für seine eigene Unternehmung adaptiert. Sind die Mitarbeiter hier bereit, die gleichen Konsequenzen zu tragen, welche überhaupt im Silicon Valley zu diesen Benefits führen? Aber lest selbst.

Hier eine kleiner Faktencheck zur Aufklärung dieser Mythen mit der Realität.

„Die Firmen dort haben die coolsten Büroräume, die lockerste Arbeitsweise, das „Bällebad“, Musikzimmer, Yoga, Volleyball.“

Klar, das gibt’s alles. Aus zwei Gründen: Kampf um Talente („War of Talents“) und Psychologie.

Um die besten Talente zu werben, müssen die finanziellen Anreize und die Arbeitsumgebung stimmen. Dazu überbieten sich die Firmen mittlerweile mit den coolsten Büros. Wobei jetzt ein Punkt erreicht ist, in dem es kaum mehr zu toppen geht. Es wird schlicht alles geboten. Die Büros sind durchgestylt. Der „Startup-Look“ auch bei 4.000 Mitarbeiterfirmen mit dem Fabrikhallencharakter ist übrigens bewusst gewählt. Denn dieser Stil fördert psychologisch die Kreativität, die als Basis einer agilen Arbeit und des Design Thinking gelebt wird. Des weiteren sind die Bürokosten im Silicon Valley so derartig hoch, dass man mehrere tausend Mitarbeiter auch nicht in Einzelbüros unterbringen kann. Da bleibt nur „Massenbeleghaltung“ auf engem Raum, wobei dies durch das Design sehr angenehm und teamfördernd ist. Derzeit sieht man aus Kostengründen auch einen starken Wegzug der Firmen als dem Silicon Valley in das benachbarte San Francisco.

„Die Mitarbeiter arbeiten für die Vision“

Nein, ganz und gar nicht. Die Vision ist für das Marketing und sicher ein Leitfaden für die Mitarbeiter. Aber niemand kann mit einer Vision sein Leben bezahlen, welches im Silicon Valley außergewöhnlich teuer ist. Und ganz erschwerend kommt hinzu: Habt ihr schon mal auf den tollen Bildern der hippen Firmen geachtet, wie viele ältere Mitarbeiter ihr dort seht? Der Altersdurchschnitt liegt in diesen Unternehmen bei ca. 26 Jahren. Ihr werdet dort kaum Mitarbeiter über 40 sehen, geschweige denn über 50. Das passt nicht in das Marketing und kein Nerd oder Hippster will in einer Firma mit älteren Mitarbeitern arbeiten. Im Silicon Valley gibt es eine sehr starke Altersdiskriminierung. Alles was älter ist, verschwindet aus einem Unternehmen. Das ist ein sehr heikles und totgeschwiegenes Thema.

Die Durchschnittsbeschäftigungsdauer pro Unternehmen sind 1,8 bis 2,5 Jahre. Bedingt durch den Kampf der Talente und die schnellen Kündigungen.

Es gibt also nur einen sehr kurzen zeitliche Horizont um a) das eigene teure Leben zu finanzieren und b) so schnell wie möglich eine Altersvorsorge zu schaffen, da man nicht so lange in Arbeit stehen wird. Die USA hat kein Sozialsystem wie in Deutschland (Krankenversicherung, Rente, etc). Glücklicherweise helfen die Firmen im Krieg um die Talente immer stärker auch mit sozialen Leistungen aus.

Es geht also am Ende schlicht um Geld. Niemand arbeitet ernsthaft primär für eine weltverbessernde Vision. Interessant ist, dass nach dem Start der Beschäftigung die Mission, die Werte und die Regeln des Unternehmens wie eine Religion eingeimpft werden. Für mich war es wirklich beängstigend und beeindruckend, wie bei einer besuchten Firma die Mitarbeiter ihre Mission und Regeln der Zusammenarbeit auswendig kannten und gebetsartig aufsagten.

Ok, für viel Geld wird auch viel gearbeitet … das erklärt die nächsten Mythen.

„Die Mitarbeiter erhalten kostenfreies Frühstück, Mittagessen und Abendbrot.“

Da die Lebenshaltungskosten im Silicon Valley sehr hoch sind, bietet es sich an, das beste Essen von sehr guten Köchen kostenfrei zu genießen. Natürlich gibt es also kostenfreies bestes Essen. Die Firmen, die ich besucht habe, bieten Frühstück BIS 9 Uhr und Abendbrot AB 19 Uhr. Und wenn, dann vom Allerfeinsten. Zum einen will man sich im Kampf um die Talente nicht lumpen lassen. Zum anderen ist das aber natürlich auch Berechnung, denn um alle Mahlzeiten zu erhalten, ist eine lange Anwesenheit im Büro erforderlich. Bei dem was ich gesehen habe, wurde das Essen auch nicht in der coolen Runde mit den Kollegen eingenommen, sondern am Arbeitsplatz – um seinen Aufgaben zu schaffen. Das bringt mich zum nächsten Mythos …

„Die Mitarbeiter haben unbegrenzten Urlaub.“

Das ist natürlich ein Aspekt, den ich bei mir schon öfter im Büro gehört habe. „In den coolen Firmen gibt es ungebrenzten Urlaub“. Im Kampf um die Talente bleibt das ja auch nur folgerichtig übrig. Das stimmt also tatsächlich, theoretisch, und ist schon überall normal. In der Praxis nehmen die Mitarbeiter deutlich weniger Urlaub als in Deutschland. Und zwar nicht immer einer wirklich freien Entscheidung, sondern häufig schlicht aus Gründen der Existenzangst und zur Sicherung seines Auskommens, um seine Teamziele zu erreichen.

Im Rahmen des agilen Arbeitens werden für die Teams Ziele festgelegt. Die Ziele sind knallhart kalkuliert und festgelegt. Wer seine Ziele erreicht, kann natürlich gerne in Urlaub gehen, kein Thema. Wer die Ziele nicht erreicht, wird schlicht gefeuert. Das Arbeitsrecht in den USA macht es möglich. Also zwei sehr handfeste Gründe, so schnell wie möglich seine Arbeit zu erledigen. Gerade bei den Kündigungen ist man schnell dabei. Auch wenn ein Krieg um Talente tobt: Die Firmen müssen außergewöhnlich performen. Wer nicht mitspielt, fliegt raus.

„Die Mitarbeiter haben ein tolles Freizeitangebot.“

Ich glaube, das Thema „Krieg um Talente“ brauche ich nicht wiederholen. Wenn wir jetzt aber auch betrachten, dass die Mitarbeiter teilweise von morgens 5 Uhr bis Abends 23 Uhr arbeiten, ist der physiologische Akku schnell leer. Daher ist es reiner Selbstzweck der Unternehmen, Freizeitangebote zum Ausgleich des Stresses anzubieten. Letztendlich alles, was Stressabbau und Kreativität fördert. Wenn wir die tägliche Arbeitszeit dort hochrechnen, sind 2-3 Stunden für Freizeit und Kreativität absolut in Ordnung. Für uns in Deutschland bei der oft fest eingehaltenen 40 Stunden/Woche ist dieser Aspekt nicht unterzubringen. Daher ist der Fokus in Deutschland auf einen hohen Work-Life-Balance NACH oder VOR der Arbeit relevanter, was im Silicon Valley IN die Arbeitszeit geschoben wird. Durch die weiten Wege ist es mehr als sinnvoll, die Freizeitangebote direkt in der Firma anzubieten. Es ist also wahr: Fast alle Firmen haben ein außergewöhnlich umfassendes Freizeitangebot direkt in der Firma.

„Es gibt sehr hohe Gehälter, Provisionen, Aktionenoptionen und Firmenanteile.“

Wie schon erwähnt, die Lebenshaltungskosten sind unermesslich hoch. So kostet ein Zimmer(!) durchaus über 1.000 Dollar pro Monat. Ein Haus ist quasi unbezahlbar. Dazu kommt der Druck, so viel Geld wie möglich für die Alterssicherung oder Krankheit bei Seite zu legen. Es ist notwendig, so hart wie möglich zu arbeiten (durch flache Hierarchien entfallen Aufstiegsmöglichkeiten), um sich noch höhere und besser bezahlte Ziele aufzuerlegen.

Die Armutsgrenze(!) bemisst sich in der Region San Francisco (Bay Area) derzeit bei einem Einkommen unter 105.000 Dollar im Jahr. Das wäre in Deutschland ein Spitzeneinkommen. So lassen sich die Verhältnismäßigkeiten des Einkommens und der Kosten im Silicon Valley im Vergleich zu Deutschland ganz gut bewerten.

Im Kampf um die Talente ist es selbstverständlich, auch Firmenanteile zu erhalten, z.B. in Form von Aktien und anderen Anteilsoptionen. Diese Beteiligungen unterliegen aber strengen Regeln und dienen vor allem auch dazu, wirklich gute Talente zu binden. Je stärker sich jeder in der Firma für die Ziele engagiert, desto höher steigt der Firmenwert und erlaubt es, wenn man überhaupt darf, Anteile in Kapital für Rücklagen umzuwandeln. Es ist aber nicht zu erwarten, dass es Anteile ausbezahlt gibt, ohne dass bestimmte Ziele oder Mindestbeschäftigungsdauern eingehalten werden. Eine Kündigung mit Einklagen von Anteilen ist eher zu erwarten.

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