Chef sein: Die Gründerdepression

Na? Wer von euch ist noch Gründer? War der Anfang nicht eine geile Zeit? Und jetzt? Gründerdepression.

Dieser Blogbeitrag ist vermutlich sehr persönlich, denn ich weiß nicht, wie viele Gründer mein Leid teilen. Es hat viel mit den persönlichen Eigenschaften zu tun. Wie empfindet jeder sein Glücklichsein? Ich beneide jeden, der sich nicht über den Erfolg seiner Gründung definiert.

Wenn ich über die Massen meiner täglichen Herausforderungen spreche, fragen mich meine Freunde: „Warum tust Du Dir das an?“. Spannende Frage. Wozu bin ich denn mal angetreten? Wer bin ich? Wo möchte ich in meinem Leben hin? Aber vor allem – wie komme ich zum Spirit der Gründungszeit für die Mitarbeiter und mich zurück.

Ich habe in meinem Leben zwei mal gegründet. Stets hatte ich eine ganz klare Strategie und Vision. Und mein Ziel war und ist immer, eine tolle erfolgreiche Firma aufzubauen. Fußspuren im Business zu hinterlassen. 2019 wollte ich schon längst meine Firma „über den Teich“ gebracht haben. Realität: Geändertes Marktverhalten, dadurch Turn Around der Firma und erdt mal wieder kleinere Brötchen backen.

Am Anfang einer Gründung ist das Gefühl immer einfach nur „geil“. Du sprichst farbenfroh und lebhaft über Deine Vision. Du bist ganz nah dabei; sitzt mit Deinen wenigen tollen Kollegen zusammen. Bis spät im Büro, tüfteln die besten neuen Funktionen aus, nur um diese schnellstmöglich an die begeisterten Kunden ausliefern zu können. Vieles ist improvisiert. Die Kunden verzeihen viele Fehler und freuen sich auf die künftigen Funktionen.

Natürlich ist die Gründerphase schwer. Ich habe nie wirkliches Startkapital erhalten. Die Suche nach Kapital, anfänglich zum Überleben und später zur Expansion, ist eine der größten und frustrierendsten Herausforderungen.

Und dann wird alles schwerer … von der Leichtigkeit wird es immer mehr ein Krampf statt Freude. Zumindest für mich persönlich. Das erwähnte Kapital. Dann neue Mitarbeiter, Onboarding, Teambuilding, neue Büros, Firmenwagen, Organisation, Gesetze, Finanzamt, Steuerberater, Gesellschafter, Businesspläne, Tonnen an Unterlagen, unzufriedene Mitarbeiter, viele viele Meetings … und die Dimensionen nehmen Jahr für Jahr zu.

Frustrierend ist es, dass durch die Geschwindigkeit der Produktentwicklung Altlasten entstanden sind, welche die Weiterentwicklung bremsen. Das Backlog ist gleichzeitig voll von Kundenwünschen und natürlich auch technischen Problemen. Umsetzung der coolen visionären Ideen, die uns so auszeichneten? Fehlanzeige. Durch fehlendes Kapital bist du gar nicht mehr in der Lage, das Personal zur Lösung aufzubringen. Im Gegenteil – du musst dich von vielen Dingen trennen, die früher deine Vision waren. All das, nach dem du gestrebt hast. Der Tag ist bestimmt mit Rückfragen von unzufriedenen Kunden, Wünsche und gute Ideen von Mitarbeitern, die sich finanziell und organisatorisch nicht tragen lassen, Absagen von Kapitalgebern (trotz stolzen Wachstumszahlen und Gewinnen).

Oft fühle ich mich sehr alleine. Mehr und mehr Mitarbeiter arbeiten normal und nicht mehr für die Kunden auch mal bis Nachts oder am Wochenende. Früher noch selbstverständlich, heute die Frage nach „Überstundenregelung“. Rechtlich berechtigt, klar. Aber es zerstört einfach auch die Gründerromantik des Gründers. Es zeigt: „Es ist einfach vorbei mit der geilen Zeit“.

Als Gründer will ich voran kommen. Der Druck ist unermesslich. Ich sehne mich nach der Zeit, wo bestmöglich alle Kollegen für die Firma und das Produkt brennen. Mit voller Leidenschaft. Es sind alles tolle Kollegen, um hier Missverständnisse zu vermeiden.

Man erwischt sich mit den Mitarbeitern der ersten Stunden, dass man über die alten Zeiten sinniert … damals, was für eine treibende Leidenschaft. Die Idee, etwas Tolles für die Kunden zu schaffen. Wirklich Lösungen zu bringen, statt sich mit Problemen zu beschäftigen. Das auch Kunden das eigene Produkt „abfeiern“. Dabei verkennt man, dass 95% der zufriedenen Kunden uns das ja auch nicht proaktiv mitteilen. Wir erleben immer nur die wenigen, denen wir es nicht Recht machen können. Und die sind dann auch verdammt laut.

So bleibt man dann am Ende des Tages stehen und überlegt, aus was man seinen Erfolg und sein Zufriedenheit zieht. Was macht mich Glücklich? Ich weiß es nicht mehr. Das geringe Gehalt oder der Gewinn, der jedes Jahr in der Firma verbleibt (zum Wohle des Wachstums) sind es ganz sicher nicht – erst recht nicht im Verhältnis zum Risiko und den Entschiedungen. Man hat starke Sehnsucht nach diesem Gründerspirit. Ich würde gerne meine Kollegen so motivieren können, dass wir für uns und die Kunden diesen Spirit entfalten können. Und die ganzen Steine im Weg … ich hätte auch gerne mal eine gerade gut ausgebaute Straße 🙂

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